Armin Thalhofer

1 Jahr = 52 Wochen = 365 Tage = 8760 Stunden = ruck zuck vorbei

Heute ist es genau ein Jahr her, dass ich den Entschluss gefasst habe, auf diese Reise zu gehen. Ein knappes Jahr der Vorbereitung lag vor mir. Equipment musste besorgt und getestet werden, unzähligen Impfungen habe ich über mich ergehen lassen und nicht zuletzt hatte ich teils tiefeinschneidende Entscheidungen zu treffen. Nun bin ich seit drei Wochen unterwegs und ich bin mir jetzt schon sicher, dass dies eine meiner bisher besten Entscheidungen war.

Warum? Das hat mehrere Gründe. Zum einen liegt es sicherlich an der Tatsache, dass ich mich in dieser kurzen Zeit maximal entschleunigen konnte und die luxuriöse Freiheit genieße, Entscheidungen jeden Tag für mich neu zu treffen. Des weiteren bin ich bereits in dieser kurzen Zeit schon mehrfach auf das gestoßen, auf das ich im Vorfeld am meisten gespannt war…auf freundliche und außergewöhnliche Menschen.

Da waren zum einen Liliana und Carlo die in Tornimparte ein Restaurant und Hotel betreiben und eine Sammlung von 54 historischen Motorrädern vorweisen können, die in allen Winkeln des Anwesens verteilt untergebracht sind. Oder Agostino, dem Koch und Kellner auf dem Campingplatz bei Paestum südlich von Salerno, der immer so lange auf mich auf italienisch eingeredet hat, bis ich meinte zu verstehen was er sagte, als ich bei Regenwetter fast drei Tage in seinem kleinen Restaurant saß. Während dieser Tage lernte ich mit Johannes, der mit seinem Fahrrad von der Südspitze Siziliens bis ans Nordkap unterwegs ist (https://johannes-durch-europa.blogspot.com), einen weiteren äußerst spannenden jungen Menschen kennen.

Liliana und Carlo
Agostino
Johannes

Auf dem Schiff nach Israel schloss ich Freundschaft mit dem einzigen weiteren Passagier, Francois, einem gebildeten und musikalischen Franzosen aus Paris. Als seinen Beruf gab er an „mit Menschen zu sprechen“ und von sich selbst sagte er, „ I can´t be quiet, I should not speak so much“. Wenn er mal grad nicht irgendjemanden, der ihm zufällig an Bord über den Weg lief in ein Gespräche verwickelte, dann stand er meist wie Captain Ahab an der Rehling und rief nach Moby Dick oder er wandelte singend über Deck und Gänge. Nicht selten spielte er dabei virtuell sein geliebtes Cello, das er zu Hause lassen musste.

Francios

Mit Guy lernte ich im Hafen von Ashdod einen außergewöhnlich hilfsbereiten und sympathischen jungen Israeli kennen, der dort beim Zoll arbeitet. Wenn er nicht fünf Minuten vor Kassenschluss für zwei Tage, sich spontan bereit erklärt hätte, die anfallenden Hafengebühren von rund 100,- Euro für mein Moped in Landeswährung zu übernehmen (Euro/Dollar/Visa waren nicht möglich), hätte ich mindestens 2-3 weitere Tage auf meine Dicke warten müssen. Durch diese spontane Geste konnte ich nach rund neun Stunden Zoll-und Sicherheitsprozedur am Abend dann doch endlich den Hafen auf meinem Bike verlassen.

Guy

Dann waren da noch Shmil und sein Freund Helio. Mit Shmil bin ich über die Facebookseite des israelischen BMW-Motorrad-Clubs in Kontakt gekommen. Dieser Kontakt erwies sich als absoluter Glücksfall für mich. Zum einen ist Shmil seit seiner Pensionierung Tourguide und ich hatte somit am Karsamstag meinen persönlichen Guide für Jerusalem und den ganzen weiteren Weg zum Toten Meer. Des weiteren erwiesen sich die beiden Jungs als außergewöhnlich unterhaltsam und gastfreundlich, mehr als ich das bisher je erleben durfte.

Helio und Shmil

Doch am meisten beeindruckt hat mich bisher Greta. Greta, eine junge Frau die am Tag unserer Ankunft in Ashdod ihren 23. Geburtstag an Bord verbringen musste, ist bereits in diesem jungen Alter 3. Offizier. Insgesamt gibt es bei Grimaldi Lines nur einen weiblichen Master/Kapitän, zwei 2. Offiziere und sie ist eine von drei weiblichen 3. Offizieren, in einem immer noch von Männern dominiertem Beruf. Greta stammt aus Milazzo auf Sizilien und wollte bereits im Alter von zwei Jahren Kapitän auf einem Schiff werden. Ihre bisherige Ausbildung durchlief sie im Schnelldurchlauf. Während Kadetten normalerweise dreimal je rund vier Monate an Bord verbringen, erledigte sie dies in zweimal gut sechs Monaten. Davor war sie zwei Jahre lang an der Seaferry-Academy in Catania, wo sie auf die Zeit an Bord vorbereitet wurde. Der Grund, warum sie sich für ein Fracht- und nicht für ein Passagierschiff entschieden hat, liegt in der besseren Ausbildung sagt sie. Gute Kapitäne von Frachtschiffen können jederzeit ein Passagierschiff übernehmen, umgekehrt sei das wohl eher schwierig. Die Ausbildung und die Aufgaben an Bord sind auf dem Frachtschiff umfangreicher. Während meiner fünftägigen Reise konnte ich sehr viel Zeit auf der Brücke verbringen und habe gestaunt, mit welch ruhiger Hand sie die Grande Mediterraneo, einen Fahrzeugfrachter, 183 Meter lang und 32 Meter breit, der Platz für mehr als 1.000 Fahrzeuge bietet, durch das Mittelmeer steuerte. Insgesamt wird sie diesmal rund fünf Monate ununterbrochen auf See sein um verschiedene Häfen im Mittelmeer anzulaufen und immer wieder neue Ladung, meist Autos, LKW und Land-/Baumaschinen in ihre jeweiligen Bestimmungsländer zu transportieren. Neben Steuern, Navigation, Laden und Löschen der Ware, Funkverkehr und Ballast ist sie auch für Ihre Kadetten verantwortlich. Keine leichte Aufgabe bei laufend wechselnder Besatzung. Greta bleiben daher kaum Möglichkeiten, ihren sportlichen Hobbys nachzugehen (sie war früher Basketballspielerin in der italienischen Nationalmannschaft und aktive 100-m-Läuferin) und Freunde zu treffen. Aber Ihrem Ziel, mit rund 35 Jahren Kapitän zu werden, ordnet sie alles unter. Dass sie Ihren Beruf liebt und mit Leidenschaft lebt, ist mir spätestens kurz nach dem Auslaufen aus dem Hafen von Piräus bewusst geworden. Bei Gewitter, Dunkelheit und dichtem Verkehr mit unzähligen anderen Schiffen, hörte ich sie auf einmal rufen „Yea, I love so much Traffic!“…ich bin mir sicher, Du wirst Deinen Weg machen Greta – Good Luck!

Ach so, warum ich nun in Israel gelandet bin und wie es weiter geht? So ganz genau weiß ich das auch noch nicht…doch dazu später mehr 😉

5 Kommentare

  1. Wenn ich das lese, werde ich immer “neidischer”.Ich bin schon gespannt auf deinen nächsten Bericht. Grüße aus der Heimat an unseren Shopping Club “Aussenposten”.Hoffi mit Familie

  2. Lieber Armin,
    die Beschreibungen über deine Begegnungen stammen nicht aus einer Kugelschreibermine, aus einer Füllfeder oder von der Tastatur, sondern direkt aus dem Herzen. Schön, dass es Dir gut geht. Herzliche Grüsse nach egal wo du dich gerade befindest.

  3. Hallo Armin, ich war auch ruhig, weißt du, bevor du angekommen bist;) Ich war wie Robinson … Es war schön zu sehen, wie du mit deinem Fahrrad ankommst (ein anderer Teil meines Lebens). Sicher, du wirst diese Reise genießen, ich folge dir, musikalisch deine, François;)

  4. Seit über zwei Monaten bist du jetzt wohl schon unterwegs.
    Ich wünsch dir viele weitere tolle Momente.
    Ich hab noch 10 Monate vor mir bis ich mich für längere Zeit in den Sattel schwing.

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