Armin Thalhofer

Stunning Nature

(English text below)

Chile gilt als eins der reichsten Länder Südamerikas. Zudem hat das Land seit dem Ende der Militärdiktatur von Augusto Pinochet 1990 am längsten eine demokratisch gewählte Regierung. Dennoch gibt es seit mehr als zwei Monaten teils heftige Proteste und Ausschreitungen gegen die Regierung. Eine vergleichsweise unbedeutende  Preiserhöhung für U-Bahn-Tickets um nur 30 Pesos (umgerechnet knapp vier Cent) war der  Auslöser der Proteste. Aber warum können teurere Bahnkarten ein ganzes Land ins Chaos stürzen? Die Erhöhung war der berühmte Funke aufs Pulverfass. Die Gründe sind  tiefgreifender. Schon sehr lange stört die Bevölkerung die große Ungleichheit, die laut der Wirtschaftskommission für Lateinamerika und Karibik hier so groß ist wie sonst fast nirgendwo auf der Welt. Das reichste Prozent der Bevölkerung besitzt mehr als ein Viertel des nationalen Vermögens, die Hälfte aller Chilenen besitzen dagegen nur etwas mehr als 2 Prozent. Neben  den U-Bahn-Tickets sollten auch noch die Strompreise erhöht werden. Lebensmittel wie auch Strom, Wasser und Internet  haben hier ein vergleichbares Preisniveau wie in Europa. Dabei verdient ungefähr  die Hälfte der Chilenen nicht mehr als 400.000 Pesos, nur rund 420 Euro im Monat.

Punta Arenas war für uns die erste Stadt in Chile, in der die Auswirkungen der anhaltenden Proteste sichtbar waren. Banken waren größtenteils geschlossen,  alle Geschäfte mit Stahl-/Holzkonstruktionen verschlagen und meist nur mit kleinen bewachten Eingängen versehen um Beschädigungen und Plünderungen bei Demonstrationen vorzubeugen. Es war zwar trotz  angekündigter Demonstrationen und Streiks entspannt und  friedlich, irgendwie waren wir  aber trotzdem besonders wachsam als wir die Innenstadt an diesem kühlen aber frühlingshaften Tag besuchten.

Schutz vor randalierenden Demonstranten
erste Frühlingsboten im November

Auf unserem weiteren Weg zum Torres del Paine Nationalpark zeigten sich zum ersten mal die gigantischen Anden, die sich auf der Westseite Südamerikas in Nord-Süd-Richtung erstrecken und mit 7000 km der längste Gebirgszug der Erde ist. Ihre vielfältige Landschaft umfasst Gletscher, Vulkane, grasbewachsene Ebenen, Wüsten, Seen und Wälder die wir in den nächsten Monaten erleben werden.

Sprachlos bestaunten wir stundelang die ca. 20  km breite Cordillera Paine mit ihren drei, bis zu mehr als 3.000 m hohen und imposanten, teils vergletscherten Gipfeln direkt von unserem Campingplatz aus am Lago Pehoe. Immer wieder konnten wir dabei Eisabbrüche und Lawinen beobachten.

Cordillera Paine
Eisberge nach Kalbung am Grey Gletscher

Auch die Tierwelt war hier sehr vielfältig. Auf unserm Campingplatz waren Geierfalken und Rotfüchse zu sehen und nachts konnten wir einen jungen Puma unweit unseres Zeltes beobachten.

Geierfalke

Auf dem weiteren Weg, nun wieder in Argentinien, nach El Calafate wurde uns einmal mehr die Weite des Landes bewusst, als wir auf der berühmten Routa 40 über eine Kuppe kamen und ein vorher nie erlebtes Panorama sahen. Die Weite der Rio Santa Cruz Ebene, dem Lago Argentino und die dahinter liegende, noch mindestens 200 km entfernte Andenkette ließen uns sprachlos staunen.

Santa Cruz Ebene

El Calafate war für uns der Ausgangspunkt um den berühmten Perito Moreno Gletscher zu besuchen. Man kann dort quasi bis zur Gletscherzunge fahren, entsprechend hoch ist das Touristenaufkommen. Wir entschieden uns deshalb, kurz vor dem Eingang zum Nationalpark wild zu campen um dann gleich bei Öffnung um acht Uhr die restlichen 30 Kilometer hinter zu fahren. Wir waren dann tatsächlich auch die zweiten, die am Parkplatz ankamen und konnten dieses Naturspektakel dann für mehrere Stunden bei kühlen einstelligen Temperaturen nahezu ungestört genießen. Der Perito Moreno Gletscher ist einer der  größten Auslassgletscher des Campo de Hielo Sur, des größten Gletschergebiets der südamerikanischen Anden. Die Gletscherzunge ist ca. 30 km lang, die Kantenlänge beträgt am Ende rund 4,4 km und die Höhe der Kalbungszunge ragt zwischen 40 und 70 Meter am südlichen Ausläufer des Lago Argentino empor. Zweitweise trennt die Kalbungszunge die  Ausläufer des Sees und lässt dann den Wasserspiegel des südlicheren Brazo Rico um bis zu 30 m aufstauen. Wieder mal fällt mir dazu nur ein Wort ein: GIGANTISCH!

Perito Moreno
40 bis 70 m hohe Gletscherfront

Die Krönung war, dass wir Augenzeugen einer Kalbung wurden. Das abgebrochene Stück Eis war schätzungsweise 30 Meter hoch und verursachte neben einem Gänsehaut-Geräusch eine explosionsartige Gischt. Ein weiteres Mal wurde mir bewusst, wie gewaltig die Natur ist und wie klein wir Menschen im Vergleich dazu sind…

Augen- und Ohrenzeugen einer gewaltigen Kalbung

Durchgefroren, aber mit einem Lächeln im Gesicht verließen wir den Gletscher in  Richtung El Chalten, dem Bergsteiger-Mekka in den südlichen Anden. Seine Majestät ist dort der gewaltige, 3.406 m hohe Fitz Roy, der bereits auf dem Normalweg als extrem schwierig gilt. Ein gigantischer und schroffer Granitberg, der sowohl zum argentinischen Nationalpark Los Glaciares wie auch zum chilenischen Nationalpark Bernardo O’Higgins zählt. Auf der Anfahrt entlang des rund 80 km langen Lago Viedma war uns das Wetterglück wieder hold und wir hatten mehr als eine Stunde lang einen faszinierenden Ausblick auf diesen beeindruckenden Berg.

Seine Majestät Fitz Roy

El Chalten ist Ausgangspunkt für Bergsteiger aller Nationen, die manchmal tage-/wochenlang auf optimales Wetter zur Besteigung warten. Marco unternahm  mit Simon, einem jungen Belgier, eine dreitägige Tour um dieses Bergmassiv, während ich mich in einer kleinen Wohnung im nahegelegenen Tres Lagos ein wenig von meinen Rückenschmerzen erholte, die mich seit Tagen plagten…wir  gingen altersentsprechende Aktivitäten nach.

Marco und Simon

Am Montagmorgen dann, wieder vereint, ging es erst nordwärts um dann Richtung Westen über den Paso Roballos erneut nach Chile einzureisen. Über eine teils üble Piste mit tiefem Schotter und/oder scharfkantigen Felsen fuhren wir bis ca. 30 km vor die Grenze um dort an einem kleinen Gebirgsbach unser Nachtlager aufzuschlagen. Lediglich je ein Gürtel- und ein Stinktier, sowie diverse Vögel leisteten uns ein wenig Gesellschaft.

Sonnenuntergang vom Nachtlager aus gesehen

Der Grenzwechsel war easy, der Argentinier musste, im Gegensatz zum Chilenen, in  Ermanglung eines Computers all unsere Daten in zwei Bücher per Hand eintragen, und schon nach wenigen Kilometern waren wir im Frühling. Im Gegensatz zu der trockenen und so gut wie gar nicht bewachsenen Pampa Argentiniens war auf der Westseite des Gebirgszuges alles grün, Blumen und Sträucher blühten und dufteten. Welch ein Genuss für die Sinne.

farbenprächtiger Frühling

Auf der berühmten Carretera Austral, die auf weiten Strecken noch nicht geteert ist, ging es nordwärts weiter durch immer üppiger blühende Landschaften, wir besichtigten per Boot die Marmorhöhlen am Lago Buenos Aires, wanderten zum Queulat-Gletscher und campten am Fuße des 3.125 m hohen Llaima-Vulcans.

unbeschreibliche Marmorhöhlen
3.125 m hoher Llaima

Ein absolutes Highlight war dann die Auffahrt zum Volcano Lonquimay. Auf einer Piste, die einfach durch den schwarzen Lavasand geschoben wurde, kamen wir bis unterhalb des Gipfelkraters. Nach jeder Biegung des Weges staunten wir ob der gewaltigen Natur aufs Neue. Besonders faszinierend war dann der gewaltige Lavastrom, der sich von einem Nebenkrater nach dem letzten Ausbruch 1988 der zwei Jahre dauerte, 10 km talwärts zieht. Am Ende des Lavastroms schätzten wir dessen Höhe auf ca. 40-50 Meter…ein  weiteres mal wurde mir bewusst, wie gigantisch und gewaltig die Natur ist. Und es war auch das erste mal, dass dieser Tag all meine Erlebnisse in Afrika toppte.

Lonquimay (2.865 m)
unfassbar gewaltiger Lavastrom
Ende (Lava-) Gelände

Staunend genossen wir diese faszinierende Natur, sowohl auf den Bikes wie auch bei zahlreichen Pausen

Fahrspaß pur in gewaltiger Natur

Neben den spektakulärer Landschaften und den sensationellen Plätzen zum Zelten, die wir hier fanden, waren auch die Begegnungen mit anderen Reisenden ein Highlight unserer bisherigen Reise…doch dazu später mehr…

Chile is considered one of the richest countries in South America. Moreover, since the end of Augusto Pinochet’s military dictatorship in 1990, the country has had a democratically elected government for the longest time. Nevertheless, there have been more than two months of sometimes fierce protests and riots against the government. The protests were triggered by a comparatively insignificant price increase of only 30 pesos (almost four cents) for subway tickets. But why can more expensive train tickets plunge an entire country into chaos? The increase was the famous last straw that breaks the camel’s back. The reasons are more profound. For a long time now, the population has been disturbed by the great inequality that, according to the Economic Commission for Latin America and the Caribbean, is greater here than almost anywhere else in the world. The richest percent of the population owns more than a quarter of the national assets, while half of all Chileans own just over 2 percent. In addition to subway tickets, electricity prices should also be increased. The prices of food, electricity, water and the Internet are comparable to those in Europe. About half of the Chileans do not earn more than 400,000 pesos, only about 420 euros a month.

Punta Arenas was for us the first city in Chile where the effects of the continuing protests were visible. Banks were mostly closed and most businesses were  secured with steel/wood constructions with only small guarded entrances to prevent damage and looting during demonstrations. Although it was relaxed and peaceful despite announced demonstrations and strikes, somehow we were nevertheless particularly vigilant when we visited the city centre on this chilly but spring-like day.

On our further way to the Torres del Paine National Park we saw for the first time the gigantic Andes, which extend in north-south direction on the west side of South America and are with 7000 km the longest mountain range on earth. Its diverse landscape includes glaciers, volcanoes, grassy plains, deserts, lakes and forests which we will experience in the next months.

For hours we speechlessly admired the approx. 20 km wide Cordillera Paine with its three, up to more than 3.000 m high and impressive, partly glaciated peaks directly from our camping site at the Lago Pehoe. Again and again we could observe ice falls and avalanches.

Also the animal world was very varied here. On our camping site there were vulture falcons and red foxes to see and at night we could observe a young Puma not far from our tent.

On the further way to El Calafate, now again in Argentina, we became once more aware of the vastness of the country, when we arrived on the famous Routa 40 at a hilltop and saw a panorama we had never experienced before. The vastness of the Rio Santa Cruz plain, the Lago Argentino and the Andes chain behind it, still at least 200 km away, let us marvel speechless.

El Calafate was for us the starting point to visit the famous Perito Moreno glacier. One can drive there quasi up to the glacier tongue, the tourist volume is correspondingly high. Therefore, we decided to wild camp close to the park entrance and then immediately after opening at eight o’clock to drive the remaining 30 kilometres to the glacier. We were actually the second ones to arrive at the parking lot and could enjoy this natural spectacle for several hours at cool single-digit temperatures almost undisturbed. The Perito Moreno Glacier is one of the largest outlet glaciers of Campo de Hielo Sur, the largest glacier area of the South American Andes. The glacier tongue is about 30 km long, the edge length at the end is about 4.4 km and the height of the calving tongue rises between 40 and 70 meters at the southern foothills of Lago Argentino. From time to time the calving tongue separates the foothills of the lake and then dams the water level of the southern Brazo Rico by up to 30 metres. Once again I only remember one word: GIGANT!

The coronation was that we became eyewitnesses of a calving. The broken off piece of ice was approximately 30 meters high and caused beside a goose bump noise an explosive spray. Once again I became aware of how enormous nature is and how small we humans are in comparison…

Frozen through, but with a smile on our faces, we left the glacier in the direction of El Chalten, the mountaineering mecca in the southern Andes. His majesty there is the mighty 3,406 m high Fitz Roy, which is already considered extremely difficult on the normal route. A huge and rugged granite mountain that belongs to the Argentine National Park Los Glaciares as well as to the Chilean National Park Bernardo O’Higgins. On the drive along the 80 km long Lago Viedma we were lucky again and had a fascinating view on this impressive mountain for more than one hour.

El Chalten is the starting point for mountaineers of all nations, who sometimes wait days/weeks for optimal weather to climb. Marco went on a three-day trek around this mountain massif with Simon, a young Belgian, , while I recovered a little from my back pain in a small apartment in nearby Tres Lagos, which had been plaguing me for days…we did age-appropriate activities.

On Monday morning, reunited again, we first went north and then headed west via Paso Roballos back to Chile. On a partly bad road with deep gravel and/or sharp rocks we drove up to about 30 km before the border to make camp for the night at a small mountain stream. Merely a belt animal and a skunk, as well as various birds provided us a little company.

The border crossing was easy, the Argentinean had, contrary to the Chilean in the absence of a computer, all our data in two books by hand. Already after a few kilometers we were in spring. In contrast to the dry and almost not overgrown pampas in Argentina, everything on the west side of the mountain range was green, flowers and bushes blossomed and smelled. What a pleasure for the senses.

On the famous Carretera Austral, which has not yet been tarred for long stretches, we continued northwards through ever more lush flowering landscapes, we visited the marble caves at Lago Buenos Aires by boat, hiked to the Queulat glacier and camped at the foot of the 3,125 m high Llaima volcano.

An absolute highlight was the ascent to Volcan Lonquimay. On a dirt road that was simply pushed through the black lava sand we reached below the summit crater. After every bend of the way we were astonished about the huge nature. Especially fascinating was the huge lava flow that runs downhill from a side crater after the last eruption in 1988 which lasted two years and goes 10 km downhill. At the end of the lava flow we estimated its height at about 40-50 meters…once again I realized how gigantic and enormous nature is. And it was also the first time that this day topped all my experiences in Africa.

Amazed we enjoyed this fascinating nature both on the bikes and during numerous breaks.

Beside the spectacular landscapes and the sensational places for camping that we found here, also the encounters with other travellers were a highlight of our journey so far…but more about that later…

Copyright © Armin Thalhofer

9 Kommentare

  1. Servus Armin, Servus Marco,
    Danke für den, wie immer tollen Bericht… Danke. Wir wünschen euch ein schönes Weihnachtsfest und bleibt Gesund, wo auch immer Ihr seit in Süd Amerika
    Gruß aus Kru auch vom Rest der Familie
    Charlie

  2. Hallo nach Süd-Amerika!
    Danke für’s Teilen und für diese faszinierend schönen Bilder.
    Weiterhin gute, sichere Fahrt und viele schöne Erlebnisse.
    Natürlich auch ein beseeltes Weihnachtsfest.
    Beste Grüße, Monika

  3. Hallo dear Armin,
    émotion is the first word i can use to explain what i feel by reading an looking at your wonderfull views..
    just because south américa, Chile and Bolivia’s uplands are places where i accompanied my wife in my latest dreams about her.
    she loved riding horses, to ski, taking pictures in wild places, and mostly reading great writers as Luis Sepulveda, Pablo Neruda.
    Great thank’s to you Armin, your interest for nature and human nature makes me feel good and seing further…
    So long my friend !
    François

  4. Hallo Armin,
    Deine Bilder sind eine Wohltat für meine z. ZT. ständig brennenden Augen… Es sieht fantastisch aus. Die Natur auf der anderen Seite der Welt- super beeindruckend!! Umso mehr müssen wir uns anstrengen, diese zu bewahren- für uns und natürlich unsere nachfolgenden Generationen!
    Ich wünsch euch zwei ein schönes Weihnachtsfest – wo auch immer ihr dann sein werdet! – Wir trinken einen Glühwein für euch mit- auch wenn es vermutlich an Hl Abend 15 Grad plus haben wird – und ich freu mich, bald wieder von dir/euch zu hören. Grüß Marco!!
    LG Assi

  5. Hallo Armin und Marco, wir lesen mit Spannung eure Reiseberichte und wünschen euch aus der Ferne ein schönes Weihnachtsfest und einen guten Rutsch ins neue Jahr. Viel Spaß und immer ein gutes Profil unter den Maschinen in Richtung Norden

    Martina und Michael

  6. Servus Armin,

    immer wieder toll, deine Berichte und Fotos zu sehen. Vielen Dank dafür. Wünsche euch beiden weiterhin viele tolle Erlebnisse und für die nahe Zukunft schöne Weihnachten und einen guten Rutsch.

    Vg aus München

    Herbert

  7. Hallo Ihr zwei Abenteurer, es ist immer wieder faszinierend, eure Berichte zu lesen und die unbeschreiblichen Bilder anzuschauen. Armin, du hast die richtige Entscheidung getroffen . Ich wünsche euch schöne Weihnachten, sicher mal ganz anders als zu Hause, einen guten Rutsch und weiterhin spannende Erlebnisse in der Ferne. Herzliche Grüße – Sven

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